Etappe 1

Etappe 1

Der Ursprung des Frankfurter Diakonissenhauses liegt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Während die Industrialisierung zu einem enormen ökonomischen und kommerziellen Aufschwung führte, entstanden im Zuge der Zuwanderung aus ländlichen Gebieten auch Wohnviertel, die von Armut und Elend geprägt waren. Zur Linderung der Not in Frankfurt fassten Bürgerinnen und Bürger evangelisch-lutherischen und reformatorischen Glaubens 1861 den Entschluss, einen Verein zu gründen, der den Zweck verfolgte, eine Schwesternschaft und ein Diakonissenhaus ins Leben zu rufen. Viele Einwohner der Stadt unterstützten die Initiative und ermöglichten mit kleinen und kleinsten Spenden Bau und Erwerb erster großer Einrichtungen.

Vorgänger des Vorhabens war das Mutterhaus in Kaiserswerth bei Düsseldorf, die heutige Kaiserswerther Diakonie, die der evangelische Pfarrer und Sozialreformer Theodor Fliedner (1800–1864) im Jahr 1836 gegründet hatte. Mit einem Leitbild, das Religiosität, Professionalität und das Zusammenleben der Diakonissen vereinte, erlangte sie im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen der Zeit große Bedeutung. In Kontinentaleuropa, den USA und Russland entstanden zahlreiche Häuser, die sich am Kaiserswerther Modell orientierten.

Frankfurts Weg zur Großstadt im 19. Jahrhundert war von großen Gegensätzen geprägt. Prunkvolle, im gründerzeitlichen Stil errichtete Villen und Wohnsitze im Frankfurter Westend zeugen noch heute vom Reichtum, der durch die Gründung von Fabriken und Bankhäusern entstanden war. Doch jenseits eines Rings von Fabrikanlagen, der sich um die bürgerlichen Viertel gelegt hatte, in Stadtrandlage und in den Dörfern um Frankfurt herum, war die finanzielle und soziale Not als Folge des strukturellen Wandels und einer immensen Zuwanderung mit Händen zu greifen. (1)

Um die Lage der hier lebenden Menschen zu verbessern, entstanden aus der Mitte der Frankfurter Stadtgesellschaft zahlreiche Hilfsorganisationen. Ihre Vertreter wollten die notwendigen sozialpolitischen Aufgaben nicht allein städtischen Gremien überlassen, stattdessen legten sie Wert auf das persönliche soziale Engagement. Absicht war nicht ein Umsturz der Verhältnisse, sondern die vorherrschende Not zu lindern und Menschen in sozialer Isolation eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Evangelische Vereine und Gemeinden fassten im Jahr 1861 den Entschluss, schon bestehende soziale Arbeitsfelder unterschiedlicher evangelischer Initiativen zu bündeln. Die dringend notwendige soziale Arbeit sollte dabei in die Hände von Frauen gelegt werden, die in christlichem Sinne und „in geeigneter und sachkundiger Krankenpflege“ den „Dienst am Nächsten“ verrichteten. Zu diesem Zweck riefen sie einen Diakonissenverein zur Gründung und als Rechtsträger eines Diakonissenhauses ins Leben, dem der Senat der Stadt Frankfurt im Jahr 1866 die Vereinsrechte verlieh.

Der Gründungsvorstand des Vereins bestand aus fünf Frauen und fünf Männern. (2) Sie gehörten dem lutherischen, deutsch-reformierten und französisch-reformierten Zweig der evangelischen Kirche an. Die konfessionelle Breite des Gründungsvorstandes spiegelte das kirchliche Leben Frankfurts im 19. Jahrhundert wider, als die Mitglieder der evangelischen Gemeinden fast drei Viertel der Frankfurter Einwohnerschaft ausmachten. (3)

Amalia Louise Contard, geb. Contard (1799–1878), Rosalie Antonie Gontard (1806–1887), die Schwestern – oder Cousinen – Therese Lindheimer (gest. 1868 ) und Louise Lindheimer (1804–1888) sowie Christina Bertha Metzler, geb. Meyer (1800–1861) stammten aus traditionsreichen und wohlhabenden Familien des Frankfurter Bürgertums. Sie nutzten ihr Vermögen, um den Diakonissenverein, das Diakonissenhaus und auch das 1877 eröffnete Magdalenum großzügig zu unterstützen.

Vier der Frauen waren aktive Mitglieder des 1813 gegründeten Frankfurter Frauenvereins. Der Verein betreute arme, kranke und hilflose Frauen in Frankfurt und den später eingemeindeten Dörfern Oberrad, Niederrad, Hausen, Bonames und Niederursel. Er schuf ihnen Möglichkeiten zur Heimarbeit und zum Verkauf ihrer Produkte im eigenen Laden und richtete im Winter Suppenküchen ein. Der Verein unterhielt auch eine Schule mit Internat, die Mädchen und jungen Frauen aus mittellosen Familien zu einer Schul- und hauswirtschaftlichen Ausbildung verhalf.(4)

Vier der männlichen Mitglieder des Gründungsvorstandes − Jean Louis Bonnet (1805–1892), Johann Christian Deichler (1804–1873), Johann Jacob Krebs (1829–1902), Johann Ludolph Schrader (1800–1875) - waren Pfarrer. Das fünfte Mitglied, Eduard F. Souchay (1800–1872), Advokat und Schriftsteller, gehörte der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung an. Alle verband die Mitgliedschaft im Evangelischen Verein für Innere Mission in Frankfurt am Main, der 1850 auf Anstoß des Hamburger Theologen und Sozialpädagogen Johann Hinrich Wichern (1808–1881) als christlicher Hilfsverein gegründet worden war. Das zentrale Anliegen des Vereins bildete die seelsorgerische und soziale Betreuung von Jungarbeitern, Obdachlosen, Prostituierten und Dienstbotinnen. Die Wurzeln des Frankfurter Diakonissenhauses lagen im Frankfurter Frauenverein und im Evangelischen Verein für Innere Mission. In seiner Gründungsphase nahm es die Wirkungsfelder beider Vereine auf und setzte sie fort.

Um das großangelegte Projekt zu finanzieren, wandten sich der Trägerverein des Frankfurter Diakonissenhauses und der Verein für Innere Mission in einem „Bettelbrief“, der an christliche Verantwortung und Bürgersinn appellierte, an die Bewohner Frankfurts. (5) Mit Erfolg. Denn wie das erste Haus in der Querstraße, das als Schwesternwohnung und Krankenstation diente, wurde auch das an der Eschersheimer Landstraße errichtete Mutterhaus mit angeschlossenem Krankenhaus nicht durch kirchliche oder öffentliche Mittel finanziert, sondern durch zahlreiche kleine Spenden. Frankfurter Bürgerinnen und Bürger, die nicht den gehobenen Schichten zuzurechnen waren, bezeugten mit ihrem Engagement Gründergeist in christlich-sozialem Sinn.

Der Pfarrer und Sozialreformer Theodor Fliedner (1800–1864) rief 1836 in Kaiserswerth bei Düsseldorf den „Evangelischen Verein für christliche Krankenpflege in der Rheinprovinz und Westfalen“ ins Leben. Der Verein verfolgte den Zweck, „hilfsbedürftigen und leidenden Teilen der bürgerlichen Gesellschaft, vorzugsweise den armen Kranken, Hilfe zu leisten mittels evangelischer Pflegerinnen, welche das Diakonissenamt im apostolischen Sinne unter ihnen verwalten, sowohl in Krankenhäusern als in den Wohnungen derselben“. (6) Für die evangelische Kirche war der Einsatz der Diakonissen von großem Belang, sie konnte mit praktizierter Nächstenliebe an innerer Stärke und an Bedeutung für das soziale Leben gewinnen. (7)

Fliedner hatte als Gemeindepfarrer aus nächster Nähe die verheerenden sozialen Folgen erlebt, die das rasante Bevölkerungswachstum und die Industrialisierung im 19. Jahrhundert mit sich brachten. Das in Armen-, Kranken- und Waisenhäusern sowie Blindenanstalten tätige Pflegepersonal war zumeist wenig ausgebildet und den pflegerischen Anforderungen nicht gewachsen. Von Seiten der Ärzteschaft wurde deshalb der Ruf nach einer Schulung des Krankenpflegepersonals laut. Für „kranke und verwahrloste Kinder von Fabrikarbeiterinnen“ gab es keine geeigneten Betreuungs- und Erziehungsangebote, für strafentlassene und gefährdete junge Frauen und ausstiegswillige Prostituierte keine Ausbildungsmöglichkeiten mit dem Ziel beruflicher Qualifikation und gesellschaftlicher Integration. (8) Auch „die traditionellen Möglichkeiten der Armenfürsorge versagten“. (9)

Einen Schwerpunkt von Fliedners Reformen bildete die Ausbildung der Diakonissen. Krankenpflege und Ausbildung waren im Diakonissenkrankenhaus miteinander verbunden, Ärzte nahmen die Schulung der Schwestern in praktischer Krankenpflege vor. Unterstützt wurden sie von erfahrenen Pflegerinnen und Fliedners Ehefrau Friederike. 1844 erfolgte die Gründung einer Lehrerinnenausbildungsstätte, die das Krankenpflegeseminar ergänzte und Anstoß zur geregelten Krankenpflegeausbildung in Deutschland gab. (10) Während Fliedner das Diakonissenwerk insgesamt leitete, stand seine Ehefrau dem Mutterhaus vor.

Für Fliedner waren geistlicher Zuspruch und Seelsorge unentbehrlicher Bestandteil der Pflege und Betreuung. Der Gründer selbst unterrichtete die angehenden Schwestern in Bibelkunde und Ethik und bahnte damit seinem Vorhaben einer diakonischen Krankenpflege den Weg.

Bei den Auszubildenden handelte es sich um Frauen, die meist etwa zwanzig Jahre alt und unverheiratet waren. Nach Beendigung der Grundausbildung erfolgte ihre Einsegnung als Diakonissen (weibliche Form von griech. diakonos = Diener). Die Motive der Frauen für eine solche Entscheidung waren vielfältig: Die Suche nach einem sinnerfüllten Leben, persönliche Krisenerfahrung und das christliche Frauenbild der Zeit, in dem Zuwendung, Selbstlosigkeit und Pflichtbewusstsein an vorderster Stelle standen, förderten ihre Bereitschaft zu einem Leben in einer ordensähnlichen Glaubens- und Dienstgemeinschaft. (11)

Das Mutterhaus entschied über den Einsatzort der Schwestern. Viele leisteten Krankenpflege im Krankenhaus, ein großer Teil war in den Häusern der Erkrankten und in umliegenden Gemeinden tätig. Vor allem für Schwestern im Außendienst war die Tracht von Bedeutung, da es sich damals für unverheiratete Frauen nicht ziemte, allein fremde Familien aufzusuchen. Mit der weißen Haube, dem Attribut einer ehrbaren und verheirateten Bürgerin, nutzten die Schwestern die Konvention, um sich zu schützen. Zudem waren sie „unter der Haube“ als gleichwertige Mitglieder einer christlichen Gemeinschaft sichtbar.

Ob die Diakonissen im eigenen Haus, in einer anderen Krankenanstalt, in einer Kleinkinderschule oder in der Gemeindepflege zum Einsatz kamen − immer blieben sie mit dem Mutterhaus, dem „Mittelpunkt des Ganzen“ (Fliedner), verbunden. Auch ihren „Feierabend“, wie der Lebensabschnitt nach der Dienstzeit bezeichnet wurde, verbrachten die Schwestern im Mutterhaus.

Fliedners diakonisches Pflege- und Betreuungskonzept erwies sich als zukunftsträchtig. Bis zum Jahr 1861 entstanden in Deutschland, in anderen europäischen Ländern sowie in Russland und den USA insgesamt 26 Mutterhäuser sowie 83 hiermit verbundene Stationen.

Etappe 1

1. Vgl. Roth, Ralph: Ein Netzwerk für die Sozialreform. S. 115–149. In: Tradition und Wandel. Frankfurt am Main. 2023 Frankfurter Historische Kommission, S. 116

2. Lachenmann, Hanna: Getrost und freudig. Festschrift 125 Jahre Frankfurter Diakonissenhaus 1870-1995. In: Blätter aus dem Frankfurter DIakonissenhaus Nr. 386 - 1995/2, S. 14 f.

3. Jenner, Harald: Spenden und Stiften. Aspekte zur frühen Entwicklung des Diakonissenhauses Frankfurt. S. 91–115. In: Unter der Haube. Festschrift - 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. . 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 98

4. Lachenmann, s.o., S. 14

5. Jenner, s.o., S. 98

6. Seidler, Eduard: Geschichte der Medizin und der Krankenpflege. 1993 Stuttgart, Berlin, Köln, S. 197

7. Diakonie – pragmatisch. Der Kaiserswerther Verband und Theodor Fliedner. Kaiserswerther Verband (Hg.). 2007 Neunkirchen, vgl. S. 57

8. Tschirner, Ulrike: Die Wiederkehr des Diakonissenamtes durch Theodor Fliedner unter Einbeziehung der Quelle ‚Die Notwendigkeit von Diakonissen‘. (Quellenarbeit im Fach Kirchengeschichte / Kirche im 19. Jahrhundert, R 208) 2012 München, vgl. S. 12 ff.

9. s.o. S. 10

10. Bauer, Thomas / Hoede, Roland: In guten Händen. Vom Bockenheimer Diakonissenverein zum Frankfurter Markus-Krankenhaus. 2001 Frankfurt am Main, S. 13

11. s.o., vgl. S. 13