Der Pfarrer und Sozialreformer Theodor Fliedner (1800–1864) rief 1836 in Kaiserswerth bei Düsseldorf den „Evangelischen Verein für christliche Krankenpflege in der Rheinprovinz und Westfalen“ ins Leben. Der Verein verfolgte den Zweck, „hilfsbedürftigen und leidenden Teilen der bürgerlichen Gesellschaft, vorzugsweise den armen Kranken, Hilfe zu leisten mittels evangelischer Pflegerinnen, welche das Diakonissenamt im apostolischen Sinne unter ihnen verwalten, sowohl in Krankenhäusern als in den Wohnungen derselben“. (6) Für die evangelische Kirche war der Einsatz der Diakonissen von großem Belang, sie konnte mit praktizierter Nächstenliebe an innerer Stärke und an Bedeutung für das soziale Leben gewinnen. (7)
Fliedner hatte als Gemeindepfarrer aus nächster Nähe die verheerenden sozialen Folgen erlebt, die das rasante Bevölkerungswachstum und die Industrialisierung im 19. Jahrhundert mit sich brachten. Das in Armen-, Kranken- und Waisenhäusern sowie Blindenanstalten tätige Pflegepersonal war zumeist wenig ausgebildet und den pflegerischen Anforderungen nicht gewachsen. Von Seiten der Ärzteschaft wurde deshalb der Ruf nach einer Schulung des Krankenpflegepersonals laut. Für „kranke und verwahrloste Kinder von Fabrikarbeiterinnen“ gab es keine geeigneten Betreuungs- und Erziehungsangebote, für strafentlassene und gefährdete junge Frauen und ausstiegswillige Prostituierte keine Ausbildungsmöglichkeiten mit dem Ziel beruflicher Qualifikation und gesellschaftlicher Integration. (8) Auch „die traditionellen Möglichkeiten der Armenfürsorge versagten“. (9)
Einen Schwerpunkt von Fliedners Reformen bildete die Ausbildung der Diakonissen. Krankenpflege und Ausbildung waren im Diakonissenkrankenhaus miteinander verbunden, Ärzte nahmen die Schulung der Schwestern in praktischer Krankenpflege vor. Unterstützt wurden sie von erfahrenen Pflegerinnen und Fliedners Ehefrau Friederike. 1844 erfolgte die Gründung einer Lehrerinnenausbildungsstätte, die das Krankenpflegeseminar ergänzte und Anstoß zur geregelten Krankenpflegeausbildung in Deutschland gab. (10) Während Fliedner das Diakonissenwerk insgesamt leitete, stand seine Ehefrau dem Mutterhaus vor.
Für Fliedner waren geistlicher Zuspruch und Seelsorge unentbehrlicher Bestandteil der Pflege und Betreuung. Der Gründer selbst unterrichtete die angehenden Schwestern in Bibelkunde und Ethik und bahnte damit seinem Vorhaben einer diakonischen Krankenpflege den Weg.
Bei den Auszubildenden handelte es sich um Frauen, die meist etwa zwanzig Jahre alt und unverheiratet waren. Nach Beendigung der Grundausbildung erfolgte ihre Einsegnung als Diakonissen (weibliche Form von griech. diakonos = Diener). Die Motive der Frauen für eine solche Entscheidung waren vielfältig: Die Suche nach einem sinnerfüllten Leben, persönliche Krisenerfahrung und das christliche Frauenbild der Zeit, in dem Zuwendung, Selbstlosigkeit und Pflichtbewusstsein an vorderster Stelle standen, förderten ihre Bereitschaft zu einem Leben in einer ordensähnlichen Glaubens- und Dienstgemeinschaft. (11)
Das Mutterhaus entschied über den Einsatzort der Schwestern. Viele leisteten Krankenpflege im Krankenhaus, ein großer Teil war in den Häusern der Erkrankten und in umliegenden Gemeinden tätig. Vor allem für Schwestern im Außendienst war die Tracht von Bedeutung, da es sich damals für unverheiratete Frauen nicht ziemte, allein fremde Familien aufzusuchen. Mit der weißen Haube, dem Attribut einer ehrbaren und verheirateten Bürgerin, nutzten die Schwestern die Konvention, um sich zu schützen. Zudem waren sie „unter der Haube“ als gleichwertige Mitglieder einer christlichen Gemeinschaft sichtbar.
Ob die Diakonissen im eigenen Haus, in einer anderen Krankenanstalt, in einer Kleinkinderschule oder in der Gemeindepflege zum Einsatz kamen − immer blieben sie mit dem Mutterhaus, dem „Mittelpunkt des Ganzen“ (Fliedner), verbunden. Auch ihren „Feierabend“, wie der Lebensabschnitt nach der Dienstzeit bezeichnet wurde, verbrachten die Schwestern im Mutterhaus.
Fliedners diakonisches Pflege- und Betreuungskonzept erwies sich als zukunftsträchtig. Bis zum Jahr 1861 entstanden in Deutschland, in anderen europäischen Ländern sowie in Russland und den USA insgesamt 26 Mutterhäuser sowie 83 hiermit verbundene Stationen.