Die Stiftungsbereitschaft hielt auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Anna Louise Friederike Koch, geb. von St. George (1822–1912) war Witwe des Frankfurter Bankiers Peter Marcus Koch (1830–1860) und Besitzerin des Hofes „Zum Schwan“ in Oberrad, wo sie ein Altenheim stiftete. Sie engagierte sich im Vorstand des Frankfurter Frauenvereins, den sie mit großzügigen Zuwendungen unterstützte. Ihre Spendenfreude kam auch dem Magdalenenverein und dem Diakonissenverein zugute, dessen Vorstand sie angehörte. Mit ihrer Hilfe konnte am Diakonissenkrankenhaus eine Isolierstation für Infektionskrankheiten (Scharlach, Masern, Diphterie) eingerichtet werden. Für die Frankfurter Diakonissen stiftete sie 1902 die im Jugendstil errichtete Villa „Liliengrund“ in Eisenach als Sommererholungsheim, das dazu diente, die Gesundheit der Schwestern zu erhalten.
1913 wurde in der Holzhausenstraße 86 ein Altersheim eingeweiht, das, wie es im Jahresbericht des Diakonissenvereins 1913 hieß, „älteren siechen oder kränklichen Frauen oder Jungfrauen eine Heimstätte“ bieten sollte. (6) Auch seine Lage ermöglichte eine enge Verbindung mit dem Diakonissenhaus. Die Stifterin Marie Georgine Arnoldine Meister, geb. Becker (1840–1912) war Tochter des Frankfurter Malers und Lehrers am Städelschen Kunstinstitut Jacob Becker (1810–1872), 1868 heiratete sie Carl Friedrich Wilhelm Meister (1827–1995), der mit Eugen Lucius (1834–1903) die Teerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co. gründete, die späteren Farbwerke Höchst. Wilhelm Meister gehörte zu den bedeutendsten Industriellen des späten 19. Jahrhunderts und zu den wichtigsten Gründungsfiguren der deutschen Wirtschaft. Der engagierte Philanthrop setzte Teile seines Vermögens für soziale Zwecke ein. (7) Marie Meister war Unterstützerin des Magdalenenvereins und des Diakonissenvereins. Sie erlebte die Einweihung des von ihr gegründeten Hauses nicht mehr, da sie im Juli 1912 verstarb.
Als weitere große private Stiftung entstand in der Cronstettenstraße auf dem Gelände des Diakonissenhauses das Nellinistift. Nach Auflage seiner Stifterin Rose Livingston sollte das Haus als Stift für „alleinstehende weibliche Angehörige gebildeter Stände“ dienen, die „bei ihren Angehörigen keine sachgemäße Unterkunft finden“. (8) Weiter heißt es im Stiftungsvertrag: „Die Angehörigkeit zu irgendeinem Glaubensbekenntnis, sowie die Staatsangehörigkeit darf kein Grund zur Verweigerung der Aufnahme sein.“ (8) Der Vertrag enthielt auch eine Bestimmung, die das Haus von den übrigen Häusern der Kolonie unterschied: Es war ausschließlich gedacht für Frauen aus gehobenen Kreisen und sollte niemals „als eine Anstalt für bescholtene Frauenpersonen (Magdalenenheim) oder Fürsorgezöglinge“ dienen. (9) Diese Zielsetzung fand Ausdruck in der Gestaltung von Haus und Inneneinrichtung, die großbürgerliche Lebensart und den Glanz gründerzeitlicher Architektur widerspiegelte und damit den Ansprüchen seiner Bewohnerinnen gerecht werden sollte. Mit der Ausführung beauftragte Rose Livingston den weltbekannten Berliner Architekten Bruno Paul (1874–1968). Die Eröffnung des Nellinistifts wurde im Sommer 1913 in Anwesenheit zahlreicher Gäste gefeiert.
Rose Livingston (1860–1914) war die jüngste Tochter des jüdischen Viehhändlers Mordge Löwenstein (1824–1889), der aus der Gemeinde Walsdorf bei Idstein im Taunus stammte. Er war 1846 nach Amerika ausgewandert und hatte bald nach der Ankunft in New York den amerikanisierten Namen Marks Livingston angenommen. Nachdem er im Handel mit Bergwerksanteilen, Grundstücken und vor allem mit Pelzen aus Alaska zu enormem Reichtum gelangt war, ging er mit seiner Familie 1867 nach Europa zurück und ließ sich in Frankfurt nieder. Die damals siebenjährige Rose erhielt Privatunterricht. Zu ihrer 15 Jahre älteren Erzieherin Mina Noll, genannt Nelli, entwickelte sich eine tiefe Verbundenheit und lebenslange Freundschaft. Unter ihrem Einfluss konvertierte Rose 1891 zum evangelischen Christentum.
Rose zählte zu ihrem Freundeskreis den Frankfurter Maler Wilhelm Steinhausen (1864–1924), der sie häufig porträtierte. Die Kunstliebhaberin war eine Mäzenatin Frankfurter Kunst, sie finanzierte die Ausmalung der Sachsenhäuser Lukaskirche durch Steinhausen und vermachte dem Städelmuseum zahlreiche Gemälde des Malers.
Nach dem Tod Mina Nolls im Jahr 1909 fasste Rose Livingston den Plan zur Errichtung des Damenstifts. Sie lebte selbst im Haus und teilte sich mit den Diakonissen die Leitung. Rose Livingston starb am 18. Dezember 1914 und wurde im gemeinschaftlichen Grab mit Mina Noll auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. Ein Nachguss ihrer Büste, die Wilhelm Steinhausen geschaffen hatte, erinnert im Eingang des Mutterhauses an die Stifterin und ihren Beistand.
Das Nellinistift sollte die letzte große private Stiftung sein, die das Diakonissenhaus erhielt. In der Folgezeit machten der Erste Weltkrieg (1914–1918), die Inflationsentwicklung in den 1920er Jahren und die zunehmenden Kosten sozialer Einrichtungen es „für einzelne Unternehmer weitgehend unmöglich, mit ihren Spenden noch ein ganzes Krankenhaus oder ein Altersheim zu finanzieren“. Die große Zeit des „selbstverständlichen Mäzenatentums“ mit der umfassenden Förderung sozialer Arbeit aus privatem Vermögen fand hiermit ein Ende. (11)