Etappe 3

Private Stiftungen

Nach der Eröffnung des Diakonissenmutterhauses ergänzten Großspenden das gesamtbürgerliche Engagement. Eine kleine Diakonissenstadt entstand, die neben dem Diakonissenmutterhaus Siechenhäuser für alte und kranke Frauen, Kindersiechenhaus, eine Kleinkinderschule, Erziehungs- und Ausbildungshaus sowie ein Pfarrhaus umfasste. Die neu errichtete Kirche war in Raum- und liturgischer Gottesdienstgestaltung an der lutherischen Tradition orientiert. Hinzu kam das Nellinistift, ursprünglich ein Wohnstift für ältere alleinstehende Damen aus gehobenen Kreisen, das später in ein Altenpflegeheim umgewandelt wurde. Einige Einrichtungen waren zunächst teilweise eigenständig, doch wurden sie von Diakonissen betreut und verschmolzen nach und nach mit dem Diakonissenhaus, das sie schließlich auch rechtlich übernahm.

Hinter den Stiftungen standen meist Frauen aus reichen und reichsten Familien des Frankfurter Bürgertums. Manche begnügten sich nicht mit finanzieller Förderung, sondern waren persönlich in dem von ihnen gestifteten Haus aktiv. Die Einrichtungen standen nicht nur Menschen evangelischen Glaubens offen, sondern auch Mitgliedern anderer Bekenntnisse und Religionsgemeinschaften. Eine Benennung der Häuser nach den jeweiligen Stifterinnen diente deren öffentlicher Ehrung und betonte den hohen Wert des privaten Engagements.

Einrichtungen und ihre Stifterinnen

Als erste der neuen Einrichtungen entstand 1877 das Schmidbornʼsche Siechenhaus in der Holzhausenstraße 88. Sein Zweck war, wie es im Gründungstext hieß, „unheilbar kranken oder auch gebrechlichen, altersschwachen Frauen und Jungfrauen evangelischen Bekenntnisses – ausnahmsweise auch solchen katholischen Bekenntnisses – die nöthige leibliche und geistliche Pflege“ zu gewähren. (1) Die Pflege „siecher“ Menschen war ein eigener Bereich der Krankenpflege.

Die Stifterin Laura Leydhecker, geb. Remy (1842–1913) stammte aus einer Industriellenfamilie im Rheinland. Nach dem Tod ihres ersten Mannes Georg Gustav Adolph Schmidborn im Jahr 1867, der aus einer reichen Kaufmannsfamilie im Saarland kam, heiratete sie 1878 den Pfarrer und Vorsteher des Diakonissenhauses Carl Leydhecker (1837–1913). Die Erbin des Schmidbornʼschen Vermögens war Mitglied im Frauenverein und förderte mit Spenden den Diakonissenverein und die Errichtung des Magdalenums. Eine weitere Spende ermöglichte den Bau des Diakonissenpfarrhauses, in dem Laura Leydhecker später mit ihrem Mann lebte. Sie schenkte dem Diakonissenhaus eine Villa in Auerbach (heute Stadtteil von Bensheim an der Bergstraße), in die das Ehepaar nach dem Ausscheiden Leydheckers aus dem Amt gezogen war. Das Haus diente zunächst den Diakonissen als Feierabendhaus und in späteren Jahren als Erholungsheim für die in der Pflege tätigen Schwestern.

Im 1877 Jahr wurde auch das Rückerʼsche Siechenhaus in der Holzhausenstraße 90 eingeweiht. Auch dieses Haus war eine „Anstalt für weibliche Sieche“. Die Pflege der Heimbewohnerinnen lag in den Händen der Diakonissen, das Diakonissenhaus stellte den Hausarzt und bot seelsorgerische Betreuung. Die Stifterin Emilie Rückert, geb. Finger (1820–1905) war Witwe des 1874 verstorbenen Kaufmanns Karl Rücker aus Frankfurt am Main. Sie stand der Schule des Frauenvereins vor, den sie – wie auch den Magdalenenverein und den Diakonissenverein, in dessen Vorstand sie Mitglied war – finanziell unterstützte. Die Stifterin selbst leitete das Haus. Wie im Schmidbornʼschen Siechenhaus leisteten auch hier die Diakonissen die Pflege.

Das 1883 an den Garten des Diakonissenhauses angrenzend errichtete Jägerʼsche Kindersiechenhaus nahm sowohl akut kranke als auch dauerhaft pflegebedürftige Kinder auf. Im Diakonissenmutterhaus hatte es eine Kindersiechenstation gegeben, die aber im Laufe der Zeit zu klein geworden war. Im Jahr 1893 wurde das Bernusʼsche Kinderhospital in Bockenheim in das Jägerʼsche Kindersiechenhaus überführt. Die Stifterin des Kindersiechenhauses, Marie Emilie Jäger, geb. Graubner (1820–1892) war mit Kaufmann Carl Friedrich Jäger verheiratet. Die vermögende Familie besaß mehrere Häuser in der Nähe des Diakonissenhauses. Marie Emilie Jäger war Mitglied des Magdalenenvereins und Förderin des Frauenvereins und des Evangelischen Vereins für Innere Mission. Sie unterstützte das Magdalenum mit einer großzügigen Spende.

Durch die privaten Stiftungen entstand im Verlauf von etwa 30 Jahren eine kleine „Kolonie“, wie die Schwestern ihren städtischen Wirkungsbereich nannten. In einem Festbericht zum 25. Jahresfest 1895 heißt es: „So hat sich unter Gottes Segen unser Haus und seine Arbeit wunderbar ausdehnen dürfen, dass wir nun im Jubiläumsjahr im Ganzen 32 Stationen mit 44 Arbeitsgebieten zählen.“ (2) Mit der Vergrößerung des Arbeitsfeldes vermehrte sich auch die Schwesternschaft: Von 1881 an stieg ihre Zahl „von 51 auf 121, darunter 69 eingesegnete Diakonissen, 30 Novizen und 22 Probeschwestern“. (3)

Diakonissenhauskirche

Im Juli 1897 wurde nach nur 20 Monaten Bauzeit die Diakonissenhauskirche eingeweiht. Sie löste den Betsaal ab, der bis dahin den Diakonissen als Kirchenraum gedient hatte. Die neue Kirche bildete den Mittelpunkt der Anlage. Ihren Bau und die innere Einrichtung hatten Freunde und Wohltäter durch Geldgaben und Schenkungen ermöglicht. Sie war vom Frankfurter Architekten Alfred Günther in frühgotischem Stil errichtet. In einer Beschreibung der Einweihungsfeier hob Pfarrer Carl Leydhecker die Schönheit des lichtdurchfluteten Raums hervor mit seinen „stylvollen, der biblisch altchristlichen Symbolik entnommenen Ornamenten …, aus denen liebliche Engelsgestalten hervortreten.“ Er lobt den Farbton der Wände, den „schön geschnitzten Altar“, das Chorgestühl, die Abendmahlgefäße und alles, „was die Kirche schmückt und dazu beiträgt, ihr ein so harmonisches, erhebendes Gepräge zu verleihen“. (4) Die Liturgie des Gottesdienstes war vom Lutheraner und Diakonissenpfarrer Wilhelm Löhe (1808–1872) aus dem fränkischen Neuendettelsau beeinflusst, der ein Buch verfasst hatte mit dem Titel: „Vom Schmuck der heiligen Orte“ (1857). Der lutherische Charakter machte sich geltend in der ästhetischen Sorgfalt, mit der die Diakonissen den Gottesdienst gestalteten. Hiervon zeugten die Arbeiten der Paramentenwerkstatt im Diakonissenhaus, die der 1883 gegründete Paramentenverein ins Leben gerufen hatte. Ihre Altardecken und Behänge, Stolen und Fahnen, in späteren Jahren oft nach Entwürfen des Offenbacher Schriftkünstlers Rudolf Koch (1867–1943) gefertigt, führten mit unterschiedlichen Farben und Motiven durch das Kirchenjahr und seine Feste und verliehen der Zeremonie eine besondere Feierlichkeit. Hierzu trug auch der Gesang bei, das Gotteslob in Liedern und liturgischen Gesängen, auf welches die Frankfurter Diakonissen großen Wert legten. Es verschönerte den Gottesdienst mit „Stimmung und Herz“. (5)

Letzte große Stiftungen

Die Stiftungsbereitschaft hielt auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts an. Anna Louise Friederike Koch, geb. von St. George (1822–1912) war Witwe des Frankfurter Bankiers Peter Marcus Koch (1830–1860) und Besitzerin des Hofes „Zum Schwan“ in Oberrad, wo sie ein Altenheim stiftete. Sie engagierte sich im Vorstand des Frankfurter Frauenvereins, den sie mit großzügigen Zuwendungen unterstützte. Ihre Spendenfreude kam auch dem Magdalenenverein und dem Diakonissenverein zugute, dessen Vorstand sie angehörte. Mit ihrer Hilfe konnte am Diakonissenkrankenhaus eine Isolierstation für Infektionskrankheiten (Scharlach, Masern, Diphterie) eingerichtet werden. Für die Frankfurter Diakonissen stiftete sie 1902 die im Jugendstil errichtete Villa „Liliengrund“ in Eisenach als Sommererholungsheim, das dazu diente, die Gesundheit der Schwestern zu erhalten.

1913 wurde in der Holzhausenstraße 86 ein Altersheim eingeweiht, das, wie es im Jahresbericht des Diakonissenvereins 1913 hieß, „älteren siechen oder kränklichen Frauen oder Jungfrauen eine Heimstätte“ bieten sollte. (6) Auch seine Lage ermöglichte eine enge Verbindung mit dem Diakonissenhaus. Die Stifterin Marie Georgine Arnoldine Meister, geb. Becker (1840–1912) war Tochter des Frankfurter Malers und Lehrers am Städelschen Kunstinstitut Jacob Becker (1810–1872), 1868 heiratete sie Carl Friedrich Wilhelm Meister (1827–1995), der mit Eugen Lucius (1834–1903) die Teerfarbenfabrik Meister, Lucius & Co. gründete, die späteren Farbwerke Höchst. Wilhelm Meister gehörte zu den bedeutendsten Industriellen des späten 19. Jahrhunderts und zu den wichtigsten Gründungsfiguren der deutschen Wirtschaft. Der engagierte Philanthrop setzte Teile seines Vermögens für soziale Zwecke ein. (7) Marie Meister war Unterstützerin des Magdalenenvereins und des Diakonissenvereins. Sie erlebte die Einweihung des von ihr gegründeten Hauses nicht mehr, da sie im Juli 1912 verstarb.

Als weitere große private Stiftung entstand in der Cronstettenstraße auf dem Gelände des Diakonissenhauses das Nellinistift. Nach Auflage seiner Stifterin Rose Livingston sollte das Haus als Stift für „alleinstehende weibliche Angehörige gebildeter Stände“ dienen, die „bei ihren Angehörigen keine sachgemäße Unterkunft finden“. (8) Weiter heißt es im Stiftungsvertrag: „Die Angehörigkeit zu irgendeinem Glaubensbekenntnis, sowie die Staatsangehörigkeit darf kein Grund zur Verweigerung der Aufnahme sein.“ (8) Der Vertrag enthielt auch eine Bestimmung, die das Haus von den übrigen Häusern der Kolonie unterschied: Es war ausschließlich gedacht für Frauen aus gehobenen Kreisen und sollte niemals „als eine Anstalt für bescholtene Frauenpersonen (Magdalenenheim) oder Fürsorgezöglinge“ dienen. (9) Diese Zielsetzung fand Ausdruck in der Gestaltung von Haus und Inneneinrichtung, die großbürgerliche Lebensart und den Glanz gründerzeitlicher Architektur widerspiegelte und damit den Ansprüchen seiner Bewohnerinnen gerecht werden sollte. Mit der Ausführung beauftragte Rose Livingston den weltbekannten Berliner Architekten Bruno Paul (1874–1968). Die Eröffnung des Nellinistifts wurde im Sommer 1913 in Anwesenheit zahlreicher Gäste gefeiert.

Rose Livingston (1860–1914) war die jüngste Tochter des jüdischen Viehhändlers Mordge Löwenstein (1824–1889), der aus der Gemeinde Walsdorf bei Idstein im Taunus stammte. Er war 1846 nach Amerika ausgewandert und hatte bald nach der Ankunft in New York den amerikanisierten Namen Marks Livingston angenommen. Nachdem er im Handel mit Bergwerksanteilen, Grundstücken und vor allem mit Pelzen aus Alaska zu enormem Reichtum gelangt war, ging er mit seiner Familie 1867 nach Europa zurück und ließ sich in Frankfurt nieder. Die damals siebenjährige Rose erhielt Privatunterricht. Zu ihrer 15 Jahre älteren Erzieherin Mina Noll, genannt Nelli, entwickelte sich eine tiefe Verbundenheit und lebenslange Freundschaft. Unter ihrem Einfluss konvertierte Rose 1891 zum evangelischen Christentum.

Rose zählte zu ihrem Freundeskreis den Frankfurter Maler Wilhelm Steinhausen (1864–1924), der sie häufig porträtierte. Die Kunstliebhaberin war eine Mäzenatin Frankfurter Kunst, sie finanzierte die Ausmalung der Sachsenhäuser Lukaskirche durch Steinhausen und vermachte dem Städelmuseum zahlreiche Gemälde des Malers.

Nach dem Tod Mina Nolls im Jahr 1909 fasste Rose Livingston den Plan zur Errichtung des Damenstifts. Sie lebte selbst im Haus und teilte sich mit den Diakonissen die Leitung. Rose Livingston starb am 18. Dezember 1914 und wurde im gemeinschaftlichen Grab mit Mina Noll auf dem Frankfurter Hauptfriedhof beigesetzt. Ein Nachguss ihrer Büste, die Wilhelm Steinhausen geschaffen hatte, erinnert im Eingang des Mutterhauses an die Stifterin und ihren Beistand.

Das Nellinistift sollte die letzte große private Stiftung sein, die das Diakonissenhaus erhielt. In der Folgezeit machten der Erste Weltkrieg (1914–1918), die Inflationsentwicklung in den 1920er Jahren und die zunehmenden Kosten sozialer Einrichtungen es „für einzelne Unternehmer weitgehend unmöglich, mit ihren Spenden noch ein ganzes Krankenhaus oder ein Altersheim zu finanzieren“. Die große Zeit des „selbstverständlichen Mäzenatentums“ mit der umfassenden Förderung sozialer Arbeit aus privatem Vermögen fand hiermit ein Ende. (11)

Bilder aus der Zeit mit Beschreibung

1. Stiftungshäuser Holzhaussenstraße um 1920

2. Jägersches Kindersiechenhaus

3. Stifterin Marie Meister

4. Stifterehepaar Leyhdecker

5. Diakonissenhaus 1897

6. Nellinistift Straßenseite 1913

7. Eröffnung Nellinistift 08.06.1913

8. Rose Livingston

Fussnoten

1.Lachenmann, Hanna: Getrost und freudig. Festschrift 125 Jahre Frankfurter Diakonissenhaus 1870 - 1995. In: Blätter aus dem Frankfurter Diakonissenhaus Nr. 386 - 1995/2, S. 32

2. Festbericht zum 25. Jahresfest 1895. Zitiert in Lachenmann, s.o., S. 68

3. s.o.

4. Blätter aus dem Diakonissenhaus zu Frankfurt am Main. Juli 1897. Zitiert in Lachenmann, s.o., S. 16 ff.

5. Fleiter, Michael: Unter der Haube. Erzählte Geschichte des Frankfurter Diakonissenhauses. S. 32–90. In: Unter der Haube. Festschrift - 150 Jahre Fiakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.). Zitat Wilhelm Göbel, ehemaliger Pfarrer der Pfarrstelle II des Diakonissenhauses, S. 68

6. Lachenmann, s.o., S. 39 f.

7. Jenner, Harald: Spenden und Stiften. Aspekte zur frühen Entwicklung des Diakonissenhauses Frankfurt. S. 91–115. In: Unter der Haube. Festschrift – 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 113

8. Jenner, Harald: Rose Livingston und das Nellinistift in Frankfurt am Main. S. 125–166. In: Unter der Haube. Festschrift – 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 138

9. s.o., S. 138

10. s.o., S. 138

11. Jenner, Spenden und Stiften, s.o., S. 114