Etappe 2

Die Taube als Hoffnungsträger

Gründungstag des Frankfurter Diakonissenhauses war der 8. Juni 1870, der Tag der Einsegnung und Amtseinführung der ersten dem Haus vorstehenden Oberin. Dem 1874 errichteten Diakonissenmutterhaus in der Eschersheimer Landstraße war ein Krankenhaus angeschlossen, in dem Diakonissen die Krankenpflege übernahmen, als Geburtshelferinnen tätig waren und Sterbende begleiteten. Ihr Wirkungsfeld erstreckte sich auf Pflege und Betreuung kranker und hilfloser alter Menschen in Frankfurt und umliegenden Gemeinden. Zu ihrer Arbeit gehörten Betreuung und Erziehung von Kindern sowie Erziehung und Ausbildung gefährdeter junger Frauen und Prostituierter.

Ihre Fürsorge stärkte die Hoffnung auf Rettung aus Not und auf eine bessere Zukunft. Theodor Fliedner bezeichnete die Diakonissen deshalb als „Tauben Christi“. Das Sinnbild erinnert an die Sintflut-Erzählung der Bibel, in der die von Noah ausgeschickte Taube mit einem Olivenzweig im Schnabel zur Arche zurückkehrt: als Botin der Hoffnung.

Entstehung und Leitung des Diakonissenhauses

Während Diakonissen des Karlsruher Mutterhauses, die nach Frankfurt entsandt waren, den Aufbau des hiesigen Hauses unterstützten, gingen einige Diakonissenanwärterinnen aus Frankfurt zur Ausbildung nach Karlsruhe. In dieser Zeit diente ihnen das Karlsruher Haus als Mutterhaus. Mit der Amtseinführung der ersten Oberin im Juni 1870 gewann das Frankfurter Haus seine Selbständigkeit und damit den Status eines eigenen Diakonissenmutterhauses. Es war zugleich die Zentrale des Gesamtwerkes, in der auch Hausvorstand und Verwaltung ihren Sitz hatten. Im Jahr 1871 belief sich die Zahl der Frankfurter Schwestern auf acht eingesegnete und elf Probeschwestern.

Die Oberin führte das Werk zusammen mit dem Pfarrer des Diakonissenhauses. Während dieser für die kirchlichen und religiösen Belange zuständig war, lag die Leitung der Schwesternschaft in ihren Händen. Diese Ordnung hatte ihren Ursprung in dem Organisationskonzept, das der Pfarrer der Dreikönigskirche, Johann Jacob Krebs (1829–1902), Mitglied des Gründungsvorstands, entworfen hatte. Es sah vor, dass die Angelegenheiten der Schwesternschaft von der Oberin geregelt werden sollten, während ein Schwesternrat die Diakonissen vertrag. (1) Die Bestimmung hatte zur Folge, dass das Frankfurter Diakonissenhaus von Beginn seines Bestehens an eine Organisationsstruktur besaß, in der Frauen mit starker Stimme ihr eigenes Leben und ihre Arbeit prägten.

Für ein gelingendes Zusammenspiel von Oberin und Pfarrer spielte die Persönlichkeit beider eine wichtige Rolle. Schwester Hanna Lachenmann (1930–2024), Diakonisse und Chronistin des Diakonissenhauses, beschreibt in einem Interview die Lenkung des Gesamtwerkes durch Oberin und Pfarrer als einen Prozess beidseitigen Ausbalancierens: „Da kommt es immer auch auf die jeweilige Begabung und Wesensart an, das war eben die Kunst von Pfarrer und Oberin, dass sie miteinander in die gleiche Richtung gehen, jeder nach seinen Aufgaben und Fähigkeiten. Was, wie ich finde, eine gute Sache ist.“

Erweitertes Arbeitsfeld

Aus der Vorgeschichte des Frankfurter Diakonissenhauses erklärt sich, dass sich die Wirksamkeit der Diakonissen nicht auf das 1874 errichtete Mutterhaus mitsamt Krankenhaus beschränkte. Unter den weiteren Tätigkeitsbereichen, die bereits kurz nach der Gründung hinzukanen, stach die Gemeindearbeit hervor. Wie schon in Kaiserswerth entwickelte sie sich auch in Frankfurt zu einem Arbeitsfeld enormen Ausmaßes. Bitten um Gemeindeschwestern kamen von weither und machten eine Erweiterung des Einsatzes der Diakonissen über die Stadtgrenzen und die nähere Umgebung hinaus erforderlich. Die neuen Einsatzgebiete lagen an der Lahn, am Rhein, im Dillkreis und im Kreis Schmalkalden in Thüringen. Der Diakonissendienst in Außenstationen beschränkte sich nicht auf evangelische Familien, er kam auch katholischen und jüdischen Familien zugute. (2)

Kinderbetreuung

Die Arbeit in den Gemeinden und auch im Krankenhaus ließ den drückenden Mangel an Betreuung und Erziehung der Kinder erkrankter oder auch erwerbstätiger Mütter sichtbar werden. Um diese Notlage zu bewältigen, entstand ein Arbeitsgebiet, das als „Kinderpflege“ begann und in Form der „Kleinkinderschule“ fortgeführt wurde. Mit Kindergarten und Hort erwuchs ein daraus später ein weiteres Arbeitsfeld von zentraler Bedeutung.

Magdalenum

Verursacht durch die wirtschaftlichen Umwälzungen hatte die Zahl der Prostituierten in Frankfurt und anderen größeren Städten in enormem Ausmaß zugenommen. Um den in Frankfurt gestrandeten Frauen eine Hilfe zu bieten, wurde 1877 das Magdalenum eröffnet, ein Heim für ausstiegswillige Prostituierte. Das Haus trug den Namen der biblischen Sünderin Maria Magdalena. Sein Gründer war der „Magdalenenverein“, der 1864 auf Initiative des Inspektors des Frankfurter Waisenhauses, Carl Theodor Müller, und seiner Ehefrau Julie Müller (geb. Koch) entstanden war. (3) Im Magdalenenverein schlossen sich engagierte Frauen zusammen, die dem evangelischen Leben Frankfurts angehörten. Ihr Ziel war es, Prostituierten und strafentlassenen Frauen Heimplätze zur Verfügung zu stellen und sie von einer gefährdenden Umgebung zu trennen. Erzieherische Maßnahmen, nachgeholte Schulbildung und hauswirtschaftliche Ausbildung sollten den Frauen den Aufbau einer neuen Existenz ermöglichen. Vor der Errichtung des Hauses organisierte der Verein die Unterbringung und Betreuung der Mädchen und jungen Frauen in Asylen und privaten Haushalten. Theodor Fliedner hatte diesen Arbeitsbereich als erste Diakonissenarbeit in Angriff genommen. (4)

Das Magdalenum lag am Rande des Diakonissengrundstücks in der Magdalenenstraße, die kurze Zeit später in Holzhausenstraße umbenannt wurde. Es stand zunächst mit dem Diakonissenhaus nur in lockerer Verbindung, der Pfarrer des Diakonissenhauses betreute die Heimbewohnerinnen seelsorgerisch, während zwei Diakonissen die im Haus tätigen privaten Kräfte unterstützten.

In weiten Kreisen der Gesellschaft herrschte wenig Verständnis für diese Art christlicher Liebestätigkeit. Wie der Vorsitzende des Magdalenenvereins beklagte, hatte dies zur Folge, dass das Heim, „ein Stiefkind unter allen christlichen Anstalten Frankfurts“, „nie so recht sorgen- und lastenfrei dastehen konnte“. (5) Ein großzügiges Legat von Emilie Jäger, Mitglied des Magdalenenvereins und Stifterin des Kindersiechenhauses, befreite aus der finanziellen Bedrängnis. (6)

Um die Jahrhundertwende wurden mit dem Gesetz zur Fürsorgeerziehung nicht nur Mädchen und junge Frauen aufgenommen, die aus freiem Willen kamen, sondern auch solche, die das Jugendamt zwangsweise einwies. Nun verstärkte sich die Bindung an das Diakonissenmutterhaus. 1904 übernahm eine Diakonisse die Leitung des Magdalenums, organisierte Sozialarbeit trat an die Stelle privater Fürsorge.

1941 wurde das Magdalenum zum Gedenken an die verstorbene Schwester Natalie Böttcher in Natalienheim umbenannt. Nachdem es bei einem Luftangriff im Jahr 1944 schwer beschädigt worden war, siedelten die Heimbewohnerinnen in den 1912 gegründeten „Elisabethenhof“ auf dem Rotenberg bei Marburg über, der von den Diakonissen als Heim für obdachlose und gefährdete Frauen und Mädchen geführt wurde.

Gewinnung neuer Diakonissen

Um die vielfältigen und wachsenden Vorhaben realisieren zu können, war es erforderlich, eine größere Zahl von Diakonissen zu gewinnen. Die jungen Frauen, die im Frankfurter Mutterhaus zur Diakonisse ausgebildet wurden, kamen nur selten aus Frankfurt. Im Jahresbericht des Diakonissenhauses von 1895 heißt es, dass von insgesamt 103 Schwestern nur vier aus Frankfurt waren, die Mehrheit stammte aus den hessischen Staatsgebieten und Ost- und Westpreußen, der Rest aus Thüringen, Bayern, Hannover, Schleswig-Holstein, Westfalen, Waldeck, Baden, Württemberg, der Rheinprovinz und der Schweiz. (7)

Der Vorstand war deshalb in besonderem Maße auf Hilfe von Frauen vom Lande angewiesen. Hier war die Bereitwilligkeit, der Schwesternschaft beizutreten, deutlich größer als in der Stadt. Die in den Landgemeinden tätigen Diakonissen erwiesen sich dabei als große Stütze. Mit ihrer Arbeit − und ihrem Vorbild – erweckten sie in zahlreichen jungen Frauen den Wunsch, sich in Frankfurt zum Diakonissendienst anleiten zu lassen.

Etappe 2

Fussnoten

1. Lachenmann, Hanna: Getrost und freudig. Festschrift 125 Jahre Frankfurter Diakonissenhaus 1870–1995. In: Blätter aus dem Frankfurter Diakonissenhaus Nr. 386 – 1995/2, vgl. S. 23 ff.

2. s.o. S. 63

3. s.o. S. 140

4. s.o. S. 68

5. s.o. S. 144

6. s.o. S. 34

7. Hack-Molitor, Gisela: Pflegen und Heilen, kooperieren und Identität wahren. Krankenpflege des Diakonissenhauses Frankfurt von den Anfängen bis heute. S. 241–297. In: Unter der Haube. Festschrift – 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 251