Die unmittelbare Not des Krieges war zwar überwunden, doch für die Bevölkerung brach eine neue Phase der Unsicherheit und Belastung an. Inflation und Wirtschaftskrisen lasteten auf der Gesellschaft, mit weitreichenden Konsequenzen - auch für das Diakonissenhaus.
Die Gemeinden, in denen die Diakonissen ihren Dienst leisteten, waren oft nicht mehr in der Lage, das Haushaltsgeld für die Gemeindeschwestern bereitzustellen. In vielen Fällen mussten die Familien selbst für die Versorgung der Schwestern aufkommen. Die Krankenkassen wiederum passten die Pflegesätze für die Patienten nur unzureichend an die Entwicklung der Inflation an, was zu einer ständigen finanziellen Unterdeckung sowohl im Diakonissenkrankenhaus, als auch auf den einzelnen Stationen führte.
Die Inflation beeinflusste auch die Finanzierung der Kleinkinderschule erheblich. Aufgrund der ständigen Geldentwertung konnten die Eltern für die Betreuung ihrer Kinder dort nur einen minimalen Betrag aufbringen – dieser entsprach oftmals lediglich dem Wert eines Brötchens am Tag. Das Jahr 1923 wurde vom Hausgeistlichen des Diakonissenhauses als „das schwerste, das wir durchlebt haben“, beschrieben. Mehr als einmal schien das Ende der Einrichtung unmittelbar bevorzustehen (1)
Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1928 geriet das Diakonissenhaus abermals in eine finanzielle Notlage. Die Ärzte des Krankenhauses erhielten die ausdrückliche Anweisung, den Verbrauch von Medikamenten zu reduzieren und mit den vorhandenen Mitteln äußerst sparsam umzugehen. Auch bei den Ausgaben für Bekleidung wurde gespart, die einheitliche Tracht für die Probeschwestern musste aus Kostengründen aufgegeben werden. Darüber hinaus wurden die Gehälte der Mitarbeitenden gekürzt und das Hauspersonal reduziert. In diesen Jahren litten die Bewohner und Mitarbeitenden des Diakonissenhauses häufig unter Lebensmittelknappheit sowie Kälte, da mangels Kohle die Räume oft ungeheizt blieben. Trotz eigener Bedrängnis verlor das Diakonissenhaus die in der Gesellschaft vorherrschende Not nicht aus den Augen. Während der Wirtschaftskrise verköstigte es in Mutterhaus, Magdalenum und Siechenhaus täglich 125 Arbeits- und Wohnsitzlose.
Das Diakonissenhaus erhielt auch Hilfe. Sie kam vor allem von Glaubensgenossen aus dem Ausland: der Schweiz, Holland, USA, Schweden. Zudem gab es staatliche Hilfen, da die Diakonissenhäuser „als wohlfahrtspflegerische Einrichtungen für reichswichtig anerkannt“ wurden. (2)
Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wandlete sich das Nellinistift, vordem ein "Stift für untadelige Damen höheren Standes", zu einem normalen Alten- und Pflegeheim. Das opulent eingerichtete Haus stand von nun an auch weniger bemittelten Frauen offen.