Etappe 6

Professionalisierung

Nach dem Ersten Weltkrieg geriet das Diakonissenhaus infolge von Inflation und Wirtschaftskrise in existenzielle Nöte. Doch allen Schwierigkeiten zum Trotz erwiesen sich die folgenden Jahre als Blütezeit in Erziehung und Pflege. Aufgrund arbeitsrechtlicher Bestimmungen und bereichert um Ideen der pädagogischen Bewegung der 1920er Jahre erreichte die Ausbildung der Kindergärtnerinnen ein neues Niveau. 1930 eröffneten die Diakonissen den ersten evangelischen Hort in Frankfurt am Main.

Höhere Patientenzahlen erforderten nicht nur zusätzliche Ärzte, sondern auch immer mehr Krankenschwestern. Auch das medizinische Angebot des Diakonissenhauses wurde ausgebaut. Im April 1921 eröffnete es eine geburtshilfliche Frauenstation.

Im Zuge der Professionalisierung der Pflegeausbildung trat 1929 ein neuer Gesamtplan in Kraft, der Spezialisierungen ermöglichte. Die zweijährige Ausbildung endete mit dem staatlichen Examen für Krankenpflege.

Existenzielle Nöte

Die unmittelbare Not des Krieges war zwar überwunden, doch für die Bevölkerung brach eine neue Phase der Unsicherheit und Belastung an. Inflation und Wirtschaftskrisen lasteten auf der Gesellschaft, mit weitreichenden Konsequenzen - auch für das Diakonissenhaus.

Die Gemeinden, in denen die Diakonissen ihren Dienst leisteten, waren oft nicht mehr in der Lage, das Haushaltsgeld für die Gemeindeschwestern bereitzustellen. In vielen Fällen mussten die Familien selbst für die Versorgung der Schwestern aufkommen. Die Krankenkassen wiederum passten die Pflegesätze für die Patienten nur unzureichend an die Entwicklung der Inflation an, was zu einer ständigen finanziellen Unterdeckung sowohl im Diakonissenkrankenhaus, als auch auf den einzelnen Stationen führte.

Die Inflation beeinflusste auch die Finanzierung der Kleinkinderschule erheblich. Aufgrund der ständigen Geldentwertung konnten die Eltern für die Betreuung ihrer Kinder dort nur einen minimalen Betrag aufbringen – dieser entsprach oftmals lediglich dem Wert eines Brötchens am Tag. Das Jahr 1923 wurde vom Hausgeistlichen des Diakonissenhauses als „das schwerste, das wir durchlebt haben“, beschrieben. Mehr als einmal schien das Ende der Einrichtung unmittelbar bevorzustehen (1)

Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1928 geriet das Diakonissenhaus abermals in eine finanzielle Notlage. Die Ärzte des Krankenhauses erhielten die ausdrückliche Anweisung, den Verbrauch von Medikamenten zu reduzieren und mit den vorhandenen Mitteln äußerst sparsam umzugehen. Auch bei den Ausgaben für Bekleidung wurde gespart, die einheitliche Tracht für die Probeschwestern musste aus Kostengründen aufgegeben werden. Darüber hinaus wurden die Gehälte der Mitarbeitenden gekürzt und das Hauspersonal reduziert. In diesen Jahren litten die Bewohner und Mitarbeitenden des Diakonissenhauses häufig unter Lebensmittelknappheit sowie Kälte, da mangels Kohle die Räume oft ungeheizt blieben. Trotz eigener Bedrängnis verlor das Diakonissenhaus die in der Gesellschaft vorherrschende Not nicht aus den Augen. Während der Wirtschaftskrise verköstigte es in Mutterhaus, Magdalenum und Siechenhaus täglich 125 Arbeits- und Wohnsitzlose.

Das Diakonissenhaus erhielt auch Hilfe. Sie kam vor allem von Glaubensgenossen aus dem Ausland: der Schweiz, Holland, USA, Schweden. Zudem gab es staatliche Hilfen, da die Diakonissenhäuser „als wohlfahrtspflegerische Einrichtungen für reichswichtig anerkannt“ wurden. (2)

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg wandlete sich das Nellinistift, vordem ein "Stift für untadelige Damen höheren Standes", zu einem normalen Alten- und Pflegeheim. Das opulent eingerichtete Haus stand von nun an auch weniger bemittelten Frauen offen.

Kindererziehung im Wandel

Obwohl die ständigen finanziellen Engpässe und die Unsicherheit der Existenz diese Zeit prägten und für alle Beteiligten eine große Belastung darstellten, konnte das Diakonissenhaus insbesondere im Ausbildungsbereich wichtige Fortschritte erzielen.

Eine im Jahr 1911 vom Preußischen Kultusministerium erlassene Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Kindergärtnerinnen war zunächst mit ausdrücklicher Billigung des Staates an den evangelischen Ausbildungsstätten nicht eingeführt worden. Doch in den 1920er Jahren zeigte sich ein deutlicher Veränderungsbedarf. Neue pädagogische Ansätze sowie Einflüsse aus der Kunsterziehungs-, Musik- und Frauenbewegung mussten in die Ausbildung integriert werden, eine Anpassung und Angleichung an die staatlich anerkannten Kindergärtnerinnenseminare war unumgänglich. (3)

Kontakte zum Berliner Diakonissenmutterhaus führten dazu, dass das Frankfurter Haus die dort tätige Jugendleiterin Elly Schwedtke für sein Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminar gewinnen konnte. Elly Schwedtke trat in die Gemeinschaft der Frankfurter Diakonissen ein und übernahm die verantwortliche Leitung des Seminars. In Kooperation mit Pfarrer Karl Goebels und dem Kollegium gelang es ihr, das Seminar auf ein hohes fachliches Niveau zu heben und ihm einen ausgezeichneten Ruf zu verschaffen. (4)

Im Jahr 1929 startete erstmals ein Kurs nach der staatlichen Ausbildungsordnung. Zwei Jahre später legten die ersten Absolventinnen das staatlich anerkannte Examen ab. Um Bewerberinnen mit Volksschulabschluss besser auf die Ausbildung vorzubereiten, wurde ein schulwissenschaftlicher Vorkurs eingerichtet. Zudem verlängerte man die Ausbildungsdauer auf zwei Jahre, um eine umfassendere Qualifikation zu ermöglichen.

Ebenfalls 1929 erfolgte die Umwandlung des Kleinkinderlehrerinnenseminars in ein Kindergärtnerinnenseminar. Die Bezeichnung „Kindergarten“, die ihren Ursprung in der Pädagogik Friedrich Fröbels hat, wurde nun auch für die christlichen Kleinkinderschulen übernommen. Die traditionell schulmäßige Einrichtung mit Bänken und Klapptischen wandelte sich. Es entstanden Kindergemeinschaften an kleinen Tischen und Stühlchen aus jeweils sechs bis acht Kindern. Dadurch entwickelte sich aus der bisherigen Kinderschule allmählich der Kindergarten. Ein weiterer bedeutender Schritt war die Eröffnung eines Horts durch das Diakonissenhaus im Jahr 1930. Er diente als praktische Übungsstätte und war der erste evangelische Hort in Frankfurt am Main. (5)

Die Professionalisierung erstreckte sich auch auf die hauswirtschaftliche Lehre, die für die Gemeindepflege eine besonders wichtige Rolle spielte. 1928 eröffnete das Diakonissenhaus eine eigene Haushaltsschule und bot eine gezielte Ausbildung in diesem Bereich.

Krankenpflegeausbildung

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zielten im Zuge der zunehmenden Professionalisierung der Krankenhauspflege neue arbeitsrechtliche Initiativen darauf ab, die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte abzusichern und die Ausbildung der Diakonissen stärker zu gewichten. Im Jahr 1919 präsentierte das Reichsarbeitsministerium einen ersten Entwurf, der vorsah, den Arbeitstag für die verschiedenen Gruppen der Krankenpflege – kirchliche, nicht-religiöse und freiberufliche Pflegekräfte – auf acht Stunden zu begrenzen. Diese Regelung bedeutete eine beträchtliche Verkürzung der üblichen Arbeitszeiten, denn damals waren Arbeitstage von zwölf bis vierzehn Stunden die Norm.

Die Mutterhäuser, Chefärzte, Krankenpflegeverbände sowie die Schwestern selbst lehnten diesen Entwurf jedoch ab. Daraufhin wurde ein neuer Vorschlag erarbeitet, der eine tägliche Arbeitszeit von zehn Stunden und eine wöchentliche Arbeitszeit von sechzig Stunden vorsah. Damit wurde ein Kompromiss zwischen den bisherigen Arbeitszeiten und den neuen Anforderungen gefunden. (6)

Auch wenn diese neue Regelung arbeitsrechtlich einen Fortschritt darstellte, stand sie doch im Widerspruch zu den staatlicherseits geplanten Reformen und das Ideal der aufopferungswilligen Schwester blieb bestehen. Die Diakonissenhäuser fühlten sich „durch die neuen Gesetze – wie Betriebsrätegesetze, Tarifverträge, Lohnerhöhungen und die Kommunalisierung – in ihrer Besonderheit und ihrer Existenz bedroht“. Die Konferenz des Kaiserswerther Verbands beschloss deshalb, den Verband dem „Reichsverband der nicht staatlichen und nicht städtischen Kranken- und Pflegeanstalten“ anzuschließen. (7)

Erweitertes Behandlungsangebot und steigende Patientenzahlen

Trotz der schwierigen finanziellen Situation in der Nachkriegszeit konnte das Diakonissenkrankenhaus das Behandlungsangebot für weibliche Patienten, seine größte Zielgruppe, erweitern. Ein bedeutender Schritt war die Eröffnung einer geburtshilflichen Frauenstation am 1. April 1921. Das Krankenhaus stellte mehr Ärzte ein und achtete dabei verstärkt auf eine universitäre Anbindung. Allein zwischen 1918 und 1924 verdoppelten sich die Belegzahlen von 568 auf 1095, was den Bedarf an Ärzten und Schwestern weiter erhöhte. (8)

Im Jahr 1927 wurde das Kindersiechenhaus geschlossen und zu einer Krankenabteilung umgewandelt. Ab Ende der 1920er Jahre begannen im Mutterhaus größere Baumaßnahmen, unter anderem der Bau eines neuen Laboratoriums im zweiten Stock. Im Jahr 1930 fanden weitere Um- und Ausbaumaßnahmen statt, um die steigende Zahl der Patienten aufnehmen zu können.

Anzahl und Tätigkeitsbereiche der Schwestern 1932

Im Jahr 1932 setzte sich die Gemeinschaft des Diakonissenhauses aus insgesamt 321 Schwestern − 217 Diakonissen, 88 Novizinnen und 16 Probeschwestern – zusammen, die in unterschiedlichen Einrichtungen und Aufgabenfeldern tätig waren. In den Krankenhäusern sowie externen Stationen verrichteten 27 Schwestern und vier Hilfsschwestern ihren Dienst. Die Pflege innerhalb der Gemeinde wurde von 120 Schwestern und fünf Hilfsschwestern übernommen. Darüber hinaus arbeiteten in Siechenhäusern und Altersheimen insgesamt 16 Schwestern und zwei Hilfsschwestern. Die übrigen Mitglieder der Schwesterngemeinschaft waren in Kindergärten, Horten, Fürsorgeerziehung und Säuglingsfürsorge beschäftigt. Die Tätigkeitsfelder des Diakonissenhauses bildeten einen wichtigen Pfeiler der Versorgung und Betreuung in der damaligen Zeit. (9)

Bilder aus der Zeit mit Beschreibung

1. Seminar Kindergärtnerinnen

2. Säuglingszimmer

3. Unterricht Krankenpflege

4. Unterricht Dr. Lippmann ca. 1932

5. Schwestern und Säuglinge

6. Entbindungszimmer 1930er Jahre

7. Dr. Meyer, Chefarzt Chirugie

8. Kindergarten Zahnpflege

9. Kinder, Mittagessen 1930er Jahre

10. Gelände 1930, Flugbild ca. 1928

Fussnoten

1. Hack-Molitor, Gisela: Pflegen und Heilen, kooperieren und Identität wahren. Krankenpflege des Diakonissenhauses Frankfurt von den Anfängen bis heute. S. 241–297. In: Unter der Haube. Festschrift – 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 268

2. s.o., S. 268

3. Kommt lasst und unseren Kindern leben. Festschrift 100 Jahre Kinderhaus und Fachschule für Sozialpädagogik 1892–1992. 1992 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 28

4. s.o., vgl. S. 29

5. s.o., vgl. S. 29

6. Schließmann, Rosemarie: Ein altersgerechtes Zuhause. Wandel in der Altenpflege als Herausforderung des Frankfurter Diakonissenhauses. 2016 Leipzig, S. 35

7. Hack-Molitor, s.o., S. 269

8. s.o., S. 271

9. s.o., S. 272