Etappe 5

Etappe 5

Bei Beginn des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 musste das Frankfurter Diakonissenhaus als Teil des Frankfurter Kriegsreservelazaretts in kurzer Zeit 120 Betten für leicht- und schwerverwundete Soldaten bereitstellen. Weil zahlreiche Ärzte zum Kriegsdienst eingezogen waren, übernahmen die Schwestern verstärkt ärztliche Aufgaben. 40 Schwestern wurden in Feldlazarette nach Frankreich und Polen geschickt. Hier ließen die hohe Anzahl toter Soldaten, das Ausmaß der Verwundungen und Verstümmelungen, Seuchenkrankheiten und Erfrierungen an Händen und Füßen die Brutalität des Krieges besonders sichtbar werden. Zudem machten Medikamenten- und Bettenmangel in den provisorischen Krankenstationen sowie Kälte, Hitze und Ungeziefer eine angemessene Pflege nahezu unmöglich.

Dies alles traf die Schwestern fast unvorbereitet. Wegen ihrer aufopfernden Pflege, ihrer Anteilnahme am Schicksal der Soldaten und wegen des seelischen Beistands, den sie ihnen in den Feldlazaretten und im Mutterhaus leisteten, erfuhr ihr diakonischer Pflegedienst hohe gesellschaftliche Wertschätzung.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 und der darauffolgenden Mobilmachung wurde das Diakonissenhaus zu einem wichtigen Teil des Frankfurter Kriegsreservelazaretts. Die Militärverwaltung schloss mit dem Diakonissenhaus eine Vereinbarung, wonach innerhalb kürzester Zeit 120 Betten für sowohl leicht- als auch schwerverwundete Soldaten bereitgestellt werden sollten.

Der Eintritt in die Kriegskrankenpflege war für die Schwestern des Diakonissenhauses keine gesetzliche Verpflichtung, sondern erfolgte auf freiwilliger Basis. Dabei lag die Entscheidung, welche Schwester im Lazarett eingesetzt wurde, bei der Leitung des Mutterhauses, das die Organisation und Verteilung der Aufgaben im Rahmen des Kriegseinsatzes übernahm.

Die Bereitschaft zum freiwilligen Pflegedienst wurde sowohl durch den Wunsch, das Leid der Soldaten im Krieg zu lindern, als auch durch patriotische Gefühle getragen. Zusätzlich standen christliche Einrichtungen wie das Diakonissenhaus unter einem moralischen Druck, den Aufrufen der nicht-konfessionellen Landesvereine vom Roten Kreuz zum Dienst zu folgen. (1)

Die Organisation des Lazarettbetriebs bedeutete für das Diakonissenhaus weitreichende Veränderungen. Um dem gestiegenen Bedarf an Pflege gerecht zu werden, wurden sowohl im Hauptkrankenhaus als auch in den drei Siechenhäusern für Kinder und Frauen zusätzliche Betten aufgestellt. Das Pfarrhaus Leydhecker sowie das Haus der Kinderpflege, das vollständig zum Lazarett umgewandelt wurde, stellten ihre Räume für die Versorgung der Soldaten zur Verfügung. Im Erdgeschoss des Nellinistifts wurden weitere 20 Betten für Lazarettzwecke bereitgestellt. Jeder verfügbare Raum, einschließlich des zweiten Stocks im Mutterhaus, wurde genutzt, um die große Anzahl verwundeter und kranker Soldaten unterzubringen. Insgesamt fanden auf dem Gelände des Diakonissenhauses 140 Verwundete Platz.

Zwischen August und November 1914 richtete das Diakonissenhaus zudem auf 17 externen Stationen spezielle Pflegestationen für Kriegsverletzte ein. Damit wurde die Versorgung der Verwundeten über das Hauptgebäude hinaus auf weitere Standorte ausgeweitet.

Der Ausbruch des Krieges stellte die Diakonissen vor weitere Herausforderungen. Die bisherigen Abläufe im Diakonissenkrankenhaus mussten grundlegend angepasst werden, da die Behandlung und Pflege der Soldaten einen solchen Umfang annahmen, dass hierfür eine eigene Abteilung eingerichtet werden musste. Da Mitglieder des ärztlichen Personals zum Dienst in den Feld- und Kriegslazaretten an der Front eingezogen waren, standen für die Versorgung der Zivilbevölkerung und der verwundeten Soldaten nicht genügend Ärzte zur Verfügung. Unter diesen Bedingungen waren die Schwestern gezwungen, neben ihrer gewohnten Pflege auch assistenzärztliche Tätigkeiten zu übernehmen. (2)

Ein besonders hervorzuhebender Aspekt der Patientenbetreuung war die Einrichtung einer speziellen Werkstatt für genesende Soldaten. Sie befand sich zwischen den Siechenhäusern und der Kirche und stand unter der Leitung einer Diakonisse. In der Werkstatt hatten die Soldaten die Möglichkeit, sich in verschiedenen handwerklichen Bereichen zu betätigen. Dazu gehörten unter anderem Schreiner- und Schlosserarbeiten, Stuhlflechten sowie Schuhmacherarbeiten und weitere handwerkliche Tätigkeiten. Dieses Angebot half ihnen, aktiv zu bleiben und die Langeweile während ihrer Genesung zu bekämpfen. Zusätzlich organisierten die Schwestern regelmäßig Feste für die Verwundeten. Bei diesen Veranstaltungen wurden unter den Patienten Werkstattarbeiten wie Körbe, Taschen, Bilderrahmen und Spielsachen verlost: Geschenke für Familien und Freunde der Soldaten. (3)

Im Verlauf des Krieges ging die Zahl der aufgenommenen zivielen Patienten deutlich zurück. Sie konnten im Diakonissenkrankenhaus sowie in den drei angeschlossenen Spitälern gleichbleibend von 15 Schwestern betreut werden. Trotz der angespannten Lage war durch die tatkräftige Unterstützung von Johanniterinnen und freien Hilfskräften auch die pflegerische Versorgung auf den auswärtigen Stationen gewährleistet. (4)

Zu Beginn des Krieges sah sich das Diakonissenhaus verpflichtet, Pflegepersonal für die Etappe bereitzustellen. 20 Diakonissen wurden in die Lazarette „Crussy“, „Turenne“ und „Nassau“ in Sedan an der Maas abgeordnet. Ihnen folgten 20 weitere, die aber schon bald nach ihrer Ankunft in Frankreich nach Ciechozinek an der Weichsel, später nach Warschau und zu weiteren Stationen in Polen umgeleitet wurden.

Aus Briefen der Diakonissen an das Mutterhaus geht hervor, dass sich die Situation in Frontnähe von der im Diakonissenhaus deutlich unterschied. Schon auf der Fahrt in das gegnerische Land zeigte sich ihnen die zerstörerische Gewalttätigkeit des Krieges. Sie sahen niedergebrannte Dörfer und zerstörte Felder. Zahllose Leichen und Gräber auf den Schlachtfeldern zeugten vom unermesslichen Blutvergießen.

Die Pflegebedingungen in den provisorischen Lazaretten, vordem bisweilen Theatersäle, Schulhäuser oder auch Scheunen, waren haarsträubend. Infolge unzureichender hygienischer Zustände häuften sich hier Typhus- und Choleraerkrankungen. Im Winter traten bei den Soldaten Erfrierungen an Händen und Füßen auf. Fehlende Medizin und als Betten der blanke Boden oder von Ungeziefer übersätes Stroh, Kälte, Hitze und Nahrungsmangel waren Alltag. Häufig mussten die Schwestern in Vertretung der Ärzte auch schwere Verletzungen behandeln.

Die Diakonissen wurden durch das Ausmaß der Verwundungen und Seuchenkrankheiten überrascht, denn keine von ihnen hatte Kriegserfahrung. Viele waren traumatisiert und verzweifelten angesichts des erlebten Leids. Besonders die Erfahrung, nicht ausreichend helfen zu können, was schwer zu verkraften - eine psychische Last, die oft schwerer wog als die körperlichen Strapazen.

Der Mangel an elementaren Dingen wie sauberem Wasser, Betten, Nahrung und Medikamenten galt auch für sie. Die Ansteckungsgefahr war auf den Seuchenstationen besonders hoch. Die Diakonissen waren nicht nur für die Krankenpflege zuständig, sondern mussten auch zahlreiche andere Aufgaben übernehmen – zum Beispiel in Küche, Wäschebetrieben, Nähstuben, Depot, Labor, Röntgenabteilung, Operationssaal, Verbandsraum und gelegentlich in der Schreibstube. Oft fehlten ihnen die entsprechenden Qualifikationen für diese Tätigkeiten. Sie versuchten, Defizite durch Improvisation und persönlichen Einsatz auszugleichen. (5)

Neben den üblichen Pflegetätigkeiten sahen es die Diakonissen als ihre Pflicht, den Patienten Zeit zu schenken, damit diese von ihren Kriegserlebnissen an der Front oder ihren Familien erzählen konnten. Auch das gemeinsame Gebet, das von vielen Patienten erwünscht und als aufbauend erlebt wurde, gehörte zu ihrem religiösen Pflegeverständnis. Die Militärärzte, unter deren Aufsicht die Schwestern in den Lazaretten arbeiteten, bewerteten deren Einsatz, der über die Grenzen des physisch und psychisch Leistbaren hinausging, als außerordentlich wertvoll. (6)

Die Gesundheit der Schwestern litt während der Kriegsjahre erheblich. Überforderung und ständige Belastung führten dazu, dass manche nach wenigen Wochen harter Arbeit ohne Pause während des Dienstes kollabierten und aufgrund geringer Abwehrkräfte erkrankten. Die Sehnsucht, ins Mutterhaus zurückzukehren, war groß. 1916 mussten zehn Schwestern wegen gesundheitlicher Probleme nach Frankfurt zurückberufen werden. 1918 erlagen acht Schwestern ihren Krankheiten, darunter vier der Spanischen Grippe. Mit Kriegsende im November 1918 kehrten die letzten Schwestern ins Mutterhaus zurück. Das Lazarett im Diakonissenhaus wurde von der Verwaltung aufgelöst. Der Gesundheitszustand der Schwestern stand in der Nachkriegszeit noch lange unter dem Einfluss des Krieges. (7)

Die Diakonissen sahen den Krieg als Katastrophe an und sehnten sein Ende herbei. Da sie sich jedoch in einem Verteidigungskrieg glaubten, stellten sie seine Notwendigkeit selten in Frage. Wie auch andere konfessionell gebundene Pflegekräfte waren sie von der Sinnhaftigkeit ihres Einsatzes überzeugt. (8)

Ihre Hilfsbereitschaft kam nicht nur Landsleuten zugute, sondern auch den Gegnern, die von ihnen in den Kriegslazaretten gepflegt wurden. (9) Diese galten nicht als Feinde, sondern als Patienten, die der Hilfe bedurften.

Doch zur gleichen Zeit verzweifelten die Diakonissen am Krieg und seinen Grausamkeiten. Hiervon zeugt ein Brief an das Frankfurter Mutterhaus, in dem es heißt: „Das ist doch eine Schande, dass es für menschliche Wesen, die doch nach Geist und Herz auch viel Göttliches in sich haben, keinen Ausweg geben soll aus dem Schlachten und Morden! Ich kann es nicht verstehen!“ (10)

Im politisch konservativen, kirchlich geprägten sowie national eingestellten Millieu des Landes genoss die Arbeit der Diakonissen ein hohes Maß an Anerkennung. Ihr selbstloser Dienst, verstanden als Beitrag für "König und Vaterland", wurde mit großem Respekt betrachtet. Am 4. Mai 1917 besuchte Kaiserin Auguste Viktoria das Lazarett des Frankfurter Diakonissenhauses und brachte während ihres Aufenthalts ihre Bewunderung und ihren Dank für die geleistete Arbeit zum Ausdruck. Für das Frankfurter Diakonissenhaus stellte dieser Besuch ein Ereignis von besonderem Wert dar, da er als offizielle Würdigung der eigenen Leistungen verstanden wurde. (11)

Etappe 5

1. Lazarett Warschau 1. Weltkrieg

2. Lazarett Frankfurt 1. Weltkrieg

3. Lazarett Türkische Verwundete 1. Weltkrieg

5. Reservelazarett Warschau Sept. 1916

1. Stölzle, Astrid: Kriegskrankenpflege im Ersten Weltkrieg. Das Pflegepersonal der freiwilligen Krankenpflege in den Etappen des deutschen Kaiserreichs. (Medizin, Gesellschaft und Geschichte, Beihefte 49) 2013 Stuttgart, S. 38

2. Schließmann, Rosemarie: Ein altersgerechtes Zuhause. Wandel in der Altenpflege als Herausforderung des Frankfurter Diakonissenhauses. 2016 Leipzig, S. 39

3. Lachenmann, Hanna: Getrost und freudig. Festschrift 125 Jahre Frankfurter Diakonissenhaus 1870 - 1995. In: Blätter aus dem Frankfurter Diakonissenhaus Nr. 386 - 1995/2, S. 76

4. Hack- Molitor, Gisela: Pflegen und Heilen, kooperieren und Identität wahren. Krankenpflege des Diakonissenhauses Frankfurt von den Anfängen bis heute. S. 241 - 297. In: Unter der Haube. Festschrift - 150 Jahre Diakonissen Frankfurt. 2020 Frankfurter Diakonissenhaus (Hg.), S. 267

5. Briefe von Lazarettschwestern aus Frankreich und Polen, in Lachenmann, s.o., S. 77 ff.

6. Stölzle, s.o., S. 203

7. Hack-Molitor, s.o., vgl. S. 265 ff.

8. Stölzle, s.o., S. 164

9. Getrost und freudig, s.o., S. 80

10. Getrost und freudig, s.o., S. 80

11. Blätter aus dem Diakonissenhaus April–Juni 1917. In: Lachenmann, s.o., S. 77